Skip to main content

Research Repository

Advanced Search

Teilhabe an der Welt

Bartel, Heike

Authors

HEIKE BARTEL HEIKE.BARTEL@NOTTINGHAM.AC.UK
Professor of German Studies and Health Humanities



Abstract

In ihrem Gedicht 'Am Thurme' lässt Annette von Droste-Hülshoff ein weibliches Ich 'auf hohem Balkon am Turm' ihr Haar 'heimlich flattern im Wind', lässt es sich verwegen in eine Welt männlicher Abenteuer träumen und doch letztendlich im Turm bleiben 'einem artigen Kinde' gleich. 1 In diesem lyrischen und historischen Moment geht es bei der Droste um die versuchte heimliche Teilnahme an einer Welt, die im Jahre 1841/42 eine den Soldaten, den Jägern, den Männern vorbehaltene Welt ist. '[D]iese Frau bin ich nicht, bin ich doch // will ich nie wieder sein', erwidert ein anderes Ich-weder eindeutig weiblich, männlich oder sächlich-174 Jahre später in einem Gedicht von Ulrike Almut Sandig aus dem Lyrikband mit dem atemraubendem Titel ich bin ein Feld / voller Raps / verstecke die Rehe / und leuchte wie / dreizehn Ölgemälde / übereinandergelegt (2016). 2 In diesem Sandig-Gedicht, dessen Titel 'ich bin der Schatten zum sich drunter Verstecken' (Raps, 13) sich im Text verbirgt und erst in Zeile sechs zu finden ist, nimmt Sandig sich des Gedichtes der Droste an. Sie nimmt es auf in ihre eigene Sprache und nimmt es mit in eine ganz andere Welt. Dabei löst Sandig-zugleich kritisch und liebevoll spielerisch-die Stränge der Motive des Altbekannten, indem sie Drostes festes Text-und Haargeflecht löst und ein neues entstehen lässt, das nicht stramm und artig frisiert ist, sondern 'ein Text, der zum Ende hin / ausfranst' (Raps, 13). Dieser 'ausfransende' Text signalisiert Offenheit und neue Anknüpfungspunkte und wehrt sich im Bild der kurzen Fransen-sowohl im Text und als auch im 'kurz geschnittene[n] Haar' (Raps, 13) des lyrischen Ich-deutlich gegen künstliches Glätten oder Aufbauschen-und gegen alte Zöpfe. Was dieses Gedicht von Sandig, wie viele andere ihrer Texte, uns in seinen freien Rhythmen vor Augen und Ohren führt, ist keine versuchte, keine heimliche Teilnahme an der Welt, sondern eine emphatische multi-perspektivische Teilhabe voller entschlossener Abenteuerlust und Energie, die sich weder von männlichen oder weiblichen Rollenbilder einschränken lässt und ein Ich einführt, das sowohl die Frau am Turme ist als auch alles, was diese nicht ist und sich wünscht zu sein-und noch viel mehr. 3

Citation

Bartel, H. (2019). Teilhabe an der Welt. Faust-Kultur: www.faust-kultur.de,

Journal Article Type Article
Acceptance Date Mar 10, 2019
Online Publication Date Apr 12, 2019
Publication Date Apr 12, 2019
Deposit Date Apr 24, 2019
Publicly Available Date Apr 24, 2019
Publisher Faust-Kultur-Stiftung
Peer Reviewed Peer Reviewed
Public URL https://nottingham-repository.worktribe.com/output/1837888
Publisher URL https://faustkultur.de/3843-0-Horst-Bingel-Preis-fuer-Literatur-2018-Ulrike-Almut-Sandig.html

Files




You might also like



Downloadable Citations